14 Januar 2026 - Bischöfliche Liturgie am Fest der Beschneidung des Herrn in der Auferstehungskathedrale zu Berlin
Am 14. Januar 2026, am Fest der Beschneidung des Herrn und am Gedenktag des heiligen Basilius des Großen, feierte Seine Eminenz Tichon, Erzbischof von Ruza, regierender Bischof der Diözese von Berlin und Deutschland, die Göttliche Liturgie in der Auferstehungskathedrale zu Berlin.
Seiner Eminenz konzelebrierten Erzpriester Ioann Dorosch, Priester Maxim Judakow sowie Erzdiakon Witalij Sadakow und Erzdiakon Archil Tschchikwadse.
Den liturgischen Gesang übernahm der Chor unter der Leitung von Natalia Dummler.
Nach der Entlassung der Liturgie vollzog der Klerus die feierliche Verherrlichung des Festes der Beschneidung des Herrn sowie des heiligen Basilius, Erzbischofs von Cäsarea in Kappadokien. Seine Eminenz verlas das Gebet zum heiligen Basilius.
Im Anschluss an die Liturgie wandte sich Priester Maxim Judakow mit einem pastoralen Wort an die Gläubigen zum Evangelien Ereignis. Die Predigt wird wortgetreu wiedergegeben:
„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Heute feiert die Kirche ein Ereignis, das nicht die Vorstellungskraft überwältigt und nicht von Wundern begleitet ist, das uns jedoch das eigentliche Wesen des Evangeliums eröffnet – die Beschneidung unseres Herrn Jesus Christus. Am achten Tag nach Seiner Geburt stellt sich Derjenige, durch den das Gesetz gegeben wurde, selbst unter das Gesetz. Der Sündenlose nimmt das Zeichen des Bundes auf sich, das einem Volk gegeben war, das der Reinigung bedurfte. Der, der keine Sünde kennt, tritt ein in den Raum menschlicher Begrenztheit, des Schmerzes und des Gehorsams. Von den ersten Tagen Seines irdischen Lebens an wählt Er nicht den Weg der Überlegenheit, sondern den der Demut; nicht eine Sonderstellung für Sich, sondern die volle Teilhabe an der menschlichen Geschichte und an der menschlichen Natur.
In der Beschneidung des Herrn erfüllt Christus nicht einfach einen alten Brauch. Er zeigt, dass das Heil nicht mit der Aufhebung der menschlichen Wirklichkeit beginnt, sondern mit ihrer Annahme und inneren Heilung. Die Beschneidung ist ein Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott, ein Zeichen des Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Doch dieses Zeichen war äußerlich, leiblich. Es wies auf die Erwählung hin, garantierte jedoch nicht die Treue des Herzens. Die Geschichte des Volkes Israel zeigt deutlich: Man kann das Zeichen des Bundes tragen und dennoch die lebendige Gemeinschaft mit Gott verlieren.
Im Kolosserbrief erklärt der Apostel Paulus: „Die Beschneidung ist nicht fleischlich, sondern eine des Herzens, im Geist.“ In Christus beginnt der Neue Bund, in dem Gott nicht nur die Erfüllung von Vorschriften erwartet, sondern die Verwandlung des inneren Menschen. Nicht die Ablehnung des Leibes, nicht die Geringschätzung der menschlichen Natur, sondern ihre Heilung und Erneuerung.
Und hier hört das Fest der Beschneidung des Herrn auf, ein fernes historisches Ereignis zu sein, und wird zu einer persönlichen Anrede an jeden von uns. Was bedeutet heute für uns diese ‚,Beschneidung des Herzens“? Sie bedeutet, Gott zu erlauben, das zu berühren, was wir gewöhnlich sorgfältig schützen: unsere Bindungen, unsere Rechtfertigungen, unseren Stolz, unsere Angst vor den Prüfungen des Lebens.
Wir stimmen leicht einer äußeren Frömmigkeit zu. Wir gewöhnen uns an den kirchlichen Rhythmus, an Gebete, an Feste. All das ist wichtig und notwendig. Doch die Gefahr beginnt dort, wo das Äußere das Innere ersetzt, wo die Form zum Ersatz für die lebendige Begegnung mit Gott wird.
Christus beginnt Sein irdisches Leben nicht mit einer Predigt und nicht mit einem Wunder, sondern mit stillem Gehorsam. Und damit gibt Er uns den Maßstab des geistlichen Lebens vor: Nicht die Lautstärke der Worte und nicht das äußere Erscheinungsbild sind entscheidend, sondern die Tiefe der inneren Bereitschaft zur Veränderung.
Beschneidung ist immer Verlust. Sie ist Schmerz. Sie ist der Verzicht auf etwas Eigenes. Und gerade deshalb wird sie zu einem so treffenden Bild des geistlichen Lebens.
Ohne Verlust gibt es keine Erneuerung. Ohne den Verzicht auf eine trügerische Ganzheit entsteht keine wahre Freiheit.
Wir wünschen uns oft, dass Gott unserem Leben etwas hinzufügt: Ruhe, Sicherheit, Trost. Doch das heutige Fest spricht von etwas anderem: Manchmal kommt Gott nicht, um etwas hinzuzufügen, sondern um das wegzunehmen, was uns daran hindert, wirklich zu leben.
Heute vergießt Christus Sein erstes Blut – als Vorausbild Seines ganzen irdischen Lebens, das ein Leben des Opfers und der Liebe bis zum Ende sein wird. Und damit heiligt Er nicht nur die Freude, sondern auch den Schmerz.
Dieses Fest ist für uns nicht nur die Erinnerung an einen alten Ritus, sondern eine Gelegenheit, ehrlich in unser Inneres zu schauen. Was in mir bedarf der Heilung? Wovor habe ich Angst, mich zu trennen? Wo halte ich an äußerer Rechtfertigung fest und weiche der inneren Wahrheit aus?
Möge der Herr uns den Mut schenken, Ihm zu erlauben, diese stille, rettende „Beschneidung des Herzens“ an uns zu vollziehen, damit in uns mehr Leben, mehr wahre Freiheit und mehr Liebe sei. Amen“.


